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In-depth

Im Schatten Miyazakis

2002 gewann Studio Ghibli, das sich zu seiner Gründung zum Ziel gemacht hatte, das japanische Disney zu werden, den Academy Award für den besten Animationsfilm. Chihiros Reise ins Zauberland setzte sich gegen eben jenes Disney durch, dass mit Ice Age, Lilo & Stich und Treasure Planet gleich dreifach vertreten war. Den Preis entgegen genommen hat ihn der Regiesseur und Mitbegründer des Studios Hayao Miyazaki.

Verfasser

Lonsi

Sep 9, 2022

© Studio Ghibli

Spätestens zu diesem Zeitpunkt ist dieser Name Synonym für das bekannteste Anime-Studio weltweit geworden. Zuvor bewies er bereits mit Mein Nachbar Totoro, Porco Rosso und Prinzessin Mononoke ganz eigene Maßstäbe setzen zu können. Nach der Veröffentlichung erklärte Miyazaki 1997 seinen Rücktritt an, um jüngeren Talenten den Weg freizumachen. Der Hauptgrund dürfte allerdings der plötzliche Tod des Mitarbeiters Yoshifumi Kondōs gewesen sein, der an einem Aneurysma verstarb, welcher möglicherweise durch Überarbeitung verursacht wurde. Einige Jahre darauf kehrte Miyazaki jedoch wieder zurück und arbeitete schließlich an Chihiros Reise ins Zauberland.

Nicht nur für die Animationswelt, sondern weit darüber hinaus, wurden Animationsfilme nach Klassikern wie Akira und Ghost in the Shell nun entgültig auch für ein erwachsenes Publikum weltweit interessant.

2013 verkündete Miyazaki mit Wie der Wind sich hebt seinen Abschied von der Filmwelt, nur um drei Jahre später bekannt zu geben, dass er schon an seinem 11. Film für das Studio, und insgesamt dem 23. Ghibli-Film arbeitet.

Wer sind also die Verantwortlichen der anderen 12 Ghibli-Produktionen?

Grave of the Fireflies © Studio Ghibli

Isao Paku Takahata

Einer davon war der Mitbegründer des Studios und enger Freund Miyazakis, Isao Tahahata, dessen bekanntestes Werk hierzulande die Anime-Serie Heidi ist, bei dem auch Miyazaki mitwirkte und rund 10 Jahre vor der Gründung des Studios entstand. Mit Filmen wie Die letzten Glühwürmchen, Only Yesterday und Meine Nachbarn die Yamadas machte er sich einen eigenen Namen. Filme, die sich klar von den Werken Miyazakis unterschieden. Wo Miyazaki mit nicht endenwollender Fantasie begeistert, ist Takahata näher und direkter an der Realität menschlicher Beziehungen interessiert.

Die letzten Glühwürmchen

Francois Truffaut sagte eins, es könne keinen Antikriegsfilm geben, denn die Darstellung des Krieges sorge dafür, dass es auch zu einem aufregenden Spektakel wird, was jeden Antikriegsfilm auch zu einem Kriegsfilm macht. Takahatas Die letzten Glühwürmchen beweist das Gegenteil, indem er die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges aus dem Blickwinkel zweier Kinder betrachtet, ohne den Akt des Krieges selbst zeigen zu müssen. Aus der Sicht der beiden Geschwister zeigt der Film die Schrecken des Krieges in ihrem unmittelbaren und persönlichem Ausmaß so wirkungsvoll wie es zuvor nur in Elem Klimows Komm und Sieh zu sehen war.

Die subtile Aneinanderreihung von kurzen Momenten der Ruhe und des Gewöhnlichen erinnert an Werke von Mikio Naruse, in denen auch immer das Unglück mitschwingt, die Momente des kurzen Glückes umso zerbrechlicher erscheinen lassen. Takahata schuf einen der außergewöhnlichsten Filme, der die Bezeichnung des Antikriegsfilms zweifelsohne verdient hat.

Nachbarn die Yamadas

Mit Meine Nachbarn die Yamadas stellte Takahata sowohl erzählerisch als auch visuell ein Novum für Ghibli-Filme dar. Für den von Wasserfarben inspiriertem Stil wurde erstmals völlig digital, statt in der handgezeichneten paint-on-cel Technik, gearbeitet.

Der Film nähert sich mit mehreren kurzen Anekdoten dem Alltag einer gewöhnlichen japanischen Familie an. Mit viel Witz und noch mehr Charme erkundet der Film die Schönheit des Miteinanders und das Wesen familiärer Beziehungen. Aus einem kindlichen Blickwinkel erzählt, erinnert der Film wiederrum an ein Werk eines anderen Meister des japanischen Kinos – Good Morning von Yasujiro Ozu. Ähnlich wie Ozu nutzt auch Takahata gesellschaftliche Geflogenheiten, um sie aus der kindlichen Perspektive der naiven Unbekümmertheit ad absurdum zu führen. Seine präzise Beobachtungsgabe für die alltäglichen Situationen offenbart Takahata einerseits in mundane Szenen aus dem Leben, vermischt sie dabei aber spielend als auch nahtlos mit tagtraumgleichen Bildern entnommen aus japanischen Fabeln und erreicht dadurch mit unwiderstehlicher Liebenswürdigkeit einen universellen Blick auf das Zusammenleben. Mein persönlicher Lieblingsfilm von Ghibli.

The Tale of the Princess Kaguya © Studio Ghibli

Isao Takahata, der gemeinsam mit Hayao Miyazaki das Studio Ghibli gegründet hat, verstarb im Alter von 82 Jahren

Kaguya

Mit Die Legende der Prinzessin Kaguya verwirklichte Takahata 2013 einen Film, zu dem er 1960, weit vor der Entstehung Ghiblis, längst erste Ideen hatte. Aus den Unterlagen die das National Museum of Modern Art in Tokyo ausstellt geht hervor, dass er zu damaliger Zeit vor hatte, einen abstrakten Stil zu verwirklichen, der an die traditionelle Maltechniken aus Bildrollen inspiriert war. Jahrzehnte später sollte dieser Film genauso realisiert werden.

Takahata verstarb fünf Jahre später und hinterließ ein letztes Meisterwerk, in dem sich mit schier endloser Kreativität und Schönheit die Essenz Ghiblis entfaltet.

Der Schatten über Ghibli

All die kommerziellen und künstlerischen Erfolge überschattet jedoch das unmenschliche Verhältnis Takahatas zu den Mitarbeitern, wie Animenewsnetwork berichtete. Studio Ghiblis Mitbegründer und langjähriger Produzent Toshio Suzuki kommentiert in Das Ghibli Textbuch 19 – Prinzessin Kaguya (Ghibli no Kyōkasho 19 Kaguya-hime no Monogatari) enthaltene Interview, dass Takahata ein enorm schwieriger Charakter innerhalb des Studios war. Die Arbeit ginge ihm über alles andere.

Seine hohen Anforderungen an seine Mitarbeiter forderte demnach indirekt den Tod des zuvor erwähnten Charakterdesigners und Animationsdirektors Yoshifumi Kondō. Suzuki besuchte Kondō nach seiner abgeschlossenen Regiearbeit an Stimme des Herzens. Kondo erzählte ihm, dass Takahata ihn während der Arbeit an den Rand des Todes getrieben habe und er allein beim Gedanken seines Namens zu zittern begann.

Allgemein wird berichtet, dass die Arbeitsbedingungen in der japanischen Animationsbranche ausbeuterisch und unmenschlich sind. Leider scheint auch Ghibli keine Ausnahme darzustellen. Die fehlende Wertschätzung und der respektlose Umgang dürfte auch dafür gesorgt haben, dass aufstrebende Talente von Ghibli weggingen, wodurch nun ein großes Fragezeichen um das künstlerische Erbe Miyazakis und Takahatas im Raum steht.


Der Ausreißer

© Universum Film Home Entertainment

Neben Takahata führten außerdem Miyazakis Sohn Gorō (Die Chroniken von Erdsee), Yoshifumi Kondō (Stimme des Herzens), Hiroyuki Morita (Das Königreich der Katzen) und Hiromasa Yonebayashi (Erinnerungen an Marnie) Regie. Herausnehmen möchte ich jedoch den ersten Film, der nicht von Miyazaki oder Takahata stammt – Ocean Waves von Tomomi Mochizuki aus dem Jahr 1993. Gleichzeitig ist dieser Film der Ungewöhnlichste für die Filmografie des Studios. Die Fernsehproduktion verfolgt das Leben dreier Jugendlicher bei ihren Erfahrungen über Freundschaft und Liebe in einer japanischen Hafenstadt. Die Geschichte ist keine Besondere, denn es ist eine, die über jugendliche Situationen erzählt, die jedem vertraut wirkt. Es ist die Sensibilität, die Stimmung und die Natürlichkeit, wie das Leben der Jugendlichen eingefangen wird, die Ocean Waves so ergreifend macht. Daraus entwächst eine Schönheit im Verhältnis zum Vergehen der Zeit und der mithergehenden, bittersüßen Nostalgie eines allzu gewöhnlichen Lebens allzu gewöhnlicher Menschen.


Another perspective

Ralf

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